W
eser,
Werre und Else
von
Hannoversch-Münden
nach
Bissendorf
Ein Reisetagebuch
von
Michael Thomsen
Inhalt:
Anlass S. 3
Vorbereitung 13.07.2010 S. 7
Anreise Osnabrück 18.07.2010 S. 11
Hannoversch-Münden 18.07.2010 S. 15
Bad Karlshafen 19.07.2010 S. 22
Höxter-Corvey 20.07.2010 S. 38
Bodenwerder 21.07.2010 S. 51
Fischbeck 22.07.2010 S. 64
Bad Oeynhausen 23.07.2010 S. 72
Bissendorf 24.07.2010 S. 78
Nachwort S. 81
Anlass
Im Sommer 2008 war bei mir eine sehr seltene Herzerkrankung festgestellt worden, die oft Ursache für einen plötzlichen Herztod ist. Ich hatte die Auswirkungen meiner Herzerkrankung unterschätzt, denn nicht allein der plötzliche Tod gegen den mich mein implantierter Defibrillator schützen sollte, sondern auch die Veränderungen am Gewebe mit Auswirkungen auf den Herzrhythmus und die Pumpfähigkeit des rechten Herzens zeigten mehr Wirkung als mir lieb war. Ständig war ich erschöpft und müde. Während der Arbeit wurde ich beim Sprechen, vor allem bei Aufregung oder vor Publikum luftnötig, irgendwie kurzatmig. Manchmal spürte ich, wie mir das Herz bis zum Hals schlug. Beim Schwimmen im Freibad bekam ich gelegentlich Herzstiche und verspürte einen Druck in der Herzgegend. Im Büro oder während irgendwelcher Besprechungen wurde mir flau und schummerig, ständig hatte ich eine Art Wattegefühl im Kopf. Als ich eines Abends in meinem Büro zusammensackte, mich aber schnell wieder aufraffte, wurde mir klar, dass das Herz hier allmählich Streik signalisierte, und es war für mich der Zeitpunkt gekommen, mit meinen Vorgesetzten und meiner Ärztin zu reden. Seitdem ich krank geschrieben war, hatte ich genügend Gelegenheit, mich zu regenerieren und in mich, in meinen Körper genauer hineinzuhorchen und ich merkte immer mehr, dass der Weg, den ich nun beschritt, genau der richtige war. Die Krankheit schien ein wenig zum Stillstand gekommen zu sein, wenngleich ich doch das Nachlassen von körperlicher Leistungsfähigkeit spürte. Einerseits durfte das Herz nicht stressigen Drucksituationen ausgesetzt werden, um die Gewebeschädigung am rechten Herzen nicht weiter zu befeuern, andererseits galt es, ein moderates „Herztraining“ aufrecht zu halten, damit die gesunde Muskulatur weiter kräftig blieb und nicht noch ob ihrer Degeneration zusätzliche Angriffsfläche bot. Ich achtete sehr darauf, dass meine Blutdruckwerte und Pulsdaten in einem vernünftigen Rahmen blieben. So lernte ich mich besser kennen und achtsam zu belasten. In der Tagesroutine hatte ich einen guten Rhythmus gefunden und konnte mir genügend Betätigungsfelder neben der Hausarbeit verschaffen. Dennoch brauchte ich jetzt einen Tapetenwechsel und suchte eine Herausforderung, bei der ich nicht in Gefahr geriet, mich und mein Herz zu gefährden.
Und mir kam der Gedanke, mich angesichts der schönen Wetterlage auf eine wohl dosierte Radtour an der Weser flussabwärts zu wagen. Ein Belastungstest gewissermaßen, an dessen Ende ich wieder mehr über mich in Erfahrung gebracht hätte. Wir ließen die Radhängerkupplung am Auto, so dass meine Frau mich jederzeit hätte abholen können.
Moderates Ergometertraining in der freien Natur also - sollte es sein und eine wundervolle Reise mitten durch das Weserbergland mit vielfältigen Eindrücken und wiedergefundener Lebensfreude sollte es werden.
Michael Thomsen, Bissendorf im Juli 2010
Vorbereitung
Montag, 12. Juli 2010
Eine gute Karte von der Weser. Ein paar Klicks im Internet und schon ließen sich neben einer angemessenen Reiseroute ein paar passende, nicht zu teure, bekanntermaßen aber von Radfahrern frequentierte Unterkünfte auflisten, die ich der Reihe nach abtelefonierte.
Eigentlich sollte es am Samstag schon los gehen, aber das erste Hotel in Hannoversch-Münden hatte erst am Folgetag etwas frei. Also nahm ich das Hotel einen Tag später. Was mich erstaunte, dass für eine solche Buchung allein Name und Telefonnummer ausreichten. Und die Anbieter wollten fast alle wissen, bis wann ich anreise. Ich gab immer an, dass ich bis spätestens 19:00 Uhr ankäme, was für die verbindlich klang und mir genügend Zeit tagsüber ließ. Aus den Erfahrungen von Radtourberichten im Internet wusste ich, dass eine Kalkulation pro Tag bei etwa 12 Kilometern pro Stunde unter Einbeziehung von Pausen als realistisch und machbar galt. Ich kalkulierte für mich etwas weniger und wollte auch nicht mehr als vier bis sechs Stunden am Tag per Rad unterwegs sein, so dass ich bei einer Abfahrtszeit von 9:00 Uhr immer mit einer Ankunft um 14:30 Uhr spekulierte.
Mit der Bahnverbindung war es zunächst schwierig, weil ich eigentlich auch auf Grund schlechter Erfahrungen die ICEs umgehen wollte. Zwar gab es ein paar Möglichkeiten mit Regionalbahnen und drei bis vier Mal umsteigen. Allerdings hatten diese Verbindungen ein paar Nachteile. Erstens waren die Umsteigezeiten meines Erachtens entweder sehr knapp bemessen, oder es waren Wartezeiten von über einer Stunde dabei. Mit dem Rad in sechs Minuten zum Anschlusszug auf einem anderen Gleis, das war dann doch ein wenig knapp. Ferner konnte bei diesen Verbindungen von Seiten der Bahnanbieter nicht garantiert werden, dass man das Rad im Zug mitnehmen konnte. Eine Reservierung war nicht möglich. So telefonierte ich zunächst mit verschiedenen Bahnanbietern. Denn es konnte ja nicht sein, dass mein Reiseabenteuer so begann, dass ich als Person im Zug bis zum ersten Urlaubsort reiste, aber das Rad nicht hätte mitnehmen können. Eine Buchung im voraus war unter diesen Umständen mehr als riskant. Dann fand ich aber doch noch im Internet eine Verbindung, bei der eine Fahrradmitnahme durch das Online-Lösen fürs Rad möglich war, und das relativ günstig mit nur zwei Mal Umsteigen für 38,- € insgesamt.
Die Strecken sollten für mich am Tag machbar sein. Ich wählte die Streckenabschnitte so, dass möglichst nicht mehr als 40 Kilometer Strecke zu erwarten war. Lediglich die erste Etappe nach Bad Karlshafen wurde mit 46 Kilometern berechnet. Aber ich dachte, wenn du die gut hinter dich gebracht hast, schaffst du auch die restlichen Etappen. Man musste halt nur genügend Pausen einlegen. Außerdem waren die Unterkünfte gebucht, so dass es dort auch keinen Stress gab.
Offen lassen wollte ich mir noch, wie weit ich hinter Bad Oeynhausen entlang der Werre noch radeln wollte, um mich dann mit dem Auto von Maria abholen zu lassen.
Anreise
Sonntag 18. Juli 2010
O
snabrück,
Hauptbahnhof. Maria hat mich mit dem Auto gebracht. Sogar die
Rolltreppen kann man relativ gut mit dem bepackten Rad, bei mir
hinten
zwei Ortliebtaschen und eine Lenkertasche, rauf und runter fahren.
Was ich mich immer wieder frage, warum manche Rolltreppen so
eingestellt sind, dass sie runter
fahren?
Abfahrt, pünktlich um 09:16 Uhr vom Gleis 11. In Hannover nach etlichen Halten an diversen Bahnhöfen umsteigen. Ich steuere mit dem Rad zunächst das falsche Ende des Zugs an, da dieser ICE nur am Wochenende fährt, ist nämlich die Anzeige nicht angegeben. Ich hole die Zeit aber auch wieder rein, weil der Bahnsteig so leer ist, dass ich kurzerhand 14 Waggons zurückradle. In den Radwaggon dann erst mal kein Reinkommen. Eine Gruppe aus drei Frauen und drei Männern etwa kurz vor oder im Rentenalter hantelt seelenruhig an den Rädern herum und hat Gepäck so neben die Räder gestapelt, dass ich nicht reinkomme. Einer der Herren bietet mir dann Hilfe an und zieht mein Rad erst mal hinein. Nachdem die Damen endlich gemerkt haben, dass sie eigentlich nur im Weg stehen, kann ich mein Rad endlich fixieren und das erste Abteil hinter diesem reinen Fahrradwaggon mit vielleicht zwanzig Rädern ansteuern, wo noch fast alle Plätze frei sind. Man hat von dort sogar einen Blick durch eine Plexiglaswand auf die Velos.
I
n
Göttingen steige ich dann um in den Regionalzug nach Kassel,
der dann um 12:59 Uhr in Hannoversch-Münden hält.
Ich staune immer wieder über die vielen Menschen, die kleine Kopfhörer in beiden Ohren haben und scheinbar Musik hören. Wenn ich mir vorstelle, wo die zwischenzeitlich gelegen haben könnten und dann ins Ohr gesteckt stundenlang verweilen, musikberieselnd. Dahinter im Gehörgang warmes und feuchtes Milieu – Ohrenschmerzen vorprogrammiert. Von den normalen Geräuschen und Konversationen um sich herum bekommen sie nicht sonderlich viel mit, wollen das vielleicht auch gar nicht und geben Signal. Ich will von euch nichts hören und nicht reden. Schweigend fliegt die Landschaft an mir vorbei –bei - bei – Junimond....
Am Bahnhof von Hannoversch Münden rolle ich entspannt mit dem Rad auf der Beethovenstraße zur Altstadt an der Weser, Werra, Fulda hinunter.

Hannoversch-Münden
Sonntag, 18. Juli 2010
K
ein
Aldi, kein Lidl, kein Netto, kein Kiosk, keine Tankstelle, kein
Kommerz – nur Fachwerk.
Die Reklameschilder der Läden eher dezent und unaufdringlich;
man erkennt oft erst beim zweiten Hingucken, was sich für ein
Geschäft in dem Fachwerkgebäude verbirgt. Außer ein
paar Parkverbotsschildern und Einbahnstraßenschildern ist die
Verkehrsbeschilderung insgesamt sparsam.
D
as
Wetter ist herrlich, sommerlich und so werden sämtliche Cafés,
und Eisdielen von Touristen, Campern und Ausflüglern reichlich
bevölkert. Eine Cimbalompielerin spielt klassische Stücke
in der Fußgängerzone vor einer Apotheke. In den zwanzig
Minuten, denen ich ihr lausche, erhält sie von einem Pärchen
neben mir spontanen Applaus und etwa sechs bis sieben Euro von
Passanten in die am Boden liegende Musikabdeckung des Cimbaloms.
Der
alte Campingplatz an der Fulda wird scheinbar auch gut frequentiert.
Gerade kommt ein Radlerpärchen mit reichlich Fahrradgepäck
an.
N
och
schnell ein Schnappschuss
vom Weserstein wie etliche vor mir und weiter geht’s zur
Werra. Es gibt viele italienische Eisdielen im Ort. Drei Kugeln zu
je 0,70 €, Malaga, Mokka, Stratiatella, lecker. Von der Brücke
über die Werra hat man schöne Ausblicke auf das
Welfenschloss. Die Herzogin Elisabeth von Braunschweig-Lüneburg
führte als Regentin des Landes Calenberg-Göttingen die
lutherische Reformation ein. Hatte einen regen Briefwechsel und galt
auch als Schriftstellerin. Sie hat 2010 ihren 500. Geburtstag, lebte
bis 1558. Auf dem Schloss wohnte sie bis 1553.
F
lussabwärts
kann man von der Brücke aus zahlreichen Kanuten zuschauen, die
an einer eigens geschaffenen Stelle ihre Boote etwa zwanzig Meter
umtragen müssen, um weiterpaddeln zu können.
Schräg gegenüber der Bushaltestelle vor dem Welfenschloss hat eine Pizzeria ein paar einladende, schattige Außenplätze. Ich bestelle eine Romantica – passt schon! – für 4,50 € und ein Bier und lausche den Gesprächen der Nachbartische und beobachte Passanten und ein spielendes Kleinkind.
N
ach
einem längeren Spaziergang rund um die Altstadt bestelle ich
mir ein Weizenbier
in einem Biergarten mit Aussicht auf die Fulda und den Campingplatz,
wo ich noch um 19:30 Uhr vier jungen Leuten beim Einsteigen und
Davonpaddeln in Einerkajaks nachschaue. Der Biergartenbetreiber hat
an den Sonnenschirmen Regenrinnenangebracht – Ideen muss man
haben! Leider konnte ich zuvor beim Spaziergang keinen Laden finden,
um Mineralwasser für die Nacht und den nächsten Morgen zu
kaufen. So muss ich mit Kraneberger im Hotel Vorlieb nehmen –
auch kein Problem.
D
as
Hotel ist wohl erst vor einiger Zeit renoviert worden. Im Bad hat
man ein Stück der unter dem Putz liegenden Ornamente frei
gelassen.
I
ch
kann das Fenster im
Zimmer 23 im Aegidienhof auf Kipp lassen. Anfangs dringen noch ein
paar Stimmen von der Straße zu mir herauf, aber während
der Nacht ist es für eine Innenstadtlage erstaunlich leise. Als
ich um 20:30 Uhr ins Bette falle, überfällt mich beim
Fernsehgucken eine derartige bleierne Müdigkeit, dass ich schon
bald den Fernseher ausschalte ....sssss

Hotelpreis: 43,- €
Tageskilometer: 2
Bad Karlshafen
M
ontag,
19. Juli 2010
D
as
Frühstück wird interessanterweise
in der gegenüberliegenden Aegidienkirche serviert und ich
staune nicht schlecht, wie viele Gäste sich um 8:00 Uhr aus dem
Hotel dort einfinden. Englische Konversation höre ich zwischen
einem Deutschen und einer Spanierin mit zwei Mädchen. Eine etwa
40-jähriges Ehepaar checkt zusammen mit den beiden Töchtern
gegen 9:00 Uhr direkt noch vor mir aus. Jedes ihrer Räder mit
zwei bis drei Ortliebtaschen bestückt. Die von einem der
Mädchen sehen meinen zum Verwechseln ähnlich, und so gebe
ich besonders Acht. Mit der Master-Card ist im Hotel l
eider
nicht zu bezahlen und so zücke ich die normale EC-Checkkarte.
U
m
9:10 Uhr verlasse ich Hannoversch Münden die
Weser abwärts am rechten Ufer. Bis Hemeln nur eine kurze, aber
bewältigbare Steigung, dort dann eine eifrig tätige Fähre,
auf der bis zu zwei PKW und Räder Platz finden. Kurze Rast,
trinken und weiter.
Nach drei Kilometern eine Steigung, wo auch zwei Männer mit Rennrad – ohne Gepäck – absteigen und schieben müssen. Ein Vater mit drei Töchtern hat mich eingeholt und wir schieben stöhnend unsere Räder etwa fünfzig Meter bergan. Bergab auf Schotterweg durch Wald bin ich dann wieder vorne an. In Höhe des Klosters Bursfelde ziehen sie wieder an mir vorbei.
W
ährend
ich kurz für drei Minuten ins Kloster eintrete, hat jemand von
meiner Lenkertasche
die Bikelinekarte entwendet. Ich merke es, als ich gerade wieder auf
den Radweg an der Hauptstraße einbiegen will und den
zahlreichen Schwalben am Giebel eines Gehöftes zuschaue.
„Ausgerechnet an einem Kloster!“ denke ich und zweifle
an der Natur des Menschen. Alle sehen erst mal so unschuldig aus.
Der eine zum Beispiel, der auf der Parkbank sitzend ins Handy
spricht. Hätte ich ihn ansprechen sollen? Und wenn er die Karte
gehabt hätte? Welcher Zeuge hätte beteuern können,
dass es nicht gar tatsächlich die seine war? Aussage gegen
Aussage, heißt es so lapidar. Und Frechheit siegt! Wie v
ielen
lächelt man spontan zu, grüßt gar freundlich, ja
plaudert etwas – und immer wieder sind unter diesen vielen
Gesichtern welche, die scheinbar nichts anderes im Sinn haben.
Allein das Risiko, ertappt zu werden, wäre für mich Grund
genug, so etwas nicht zu tun, aber scheinbar lohnen sich Raub,
Unehrlichkeit, Falschheit und Rücksichtslosigkeit in unserer
Gesellschaft immer noch oder immer mehr. Es ist einfach ärgerlich!
Gelegenheit macht Diebe. Und das Misstrauen unter den Menschen
wächst wie Unkraut. Gott sei Dank fehlt sonst nichts und ich
werde natürlich die Lenkertasche in Zukunft nicht mehr am Rad
lassen, wenn ich irgendwo, und sei es nur kurz, h
ineingehe.
Bis nach Bad Karlshafen geht es auf autofreien Straßen und Radwegen meist etwas leicht bergab. Mein Puls ist immer wieder schnell bei 115 Schlägen. Ich habe Mühe unter einen Wert von 100 Schlägen zu kommen, zwinge mich aber immer wieder, das Tempo zu drosseln, auch wenn ich mich subjektiv ganz gut fühle.
Bis Gieselwerder vorbei an mehreren kleinen Campingplätzen ein schöner breiter Radweg durch Feld und Wiesen. Dort wechsele ich über die Brücke von der rechten auf die linke Weserseite und endlich ein Laden, wo Getränke gekauft werden können. Der Vater mit den drei Töchtern steht vor mir an der Kasse und grüßt vertraut. Ich setze mich im Schatten eines Baumes auf eine breite Bank. Ein etwa 35 Jahre altes Ehepaar mit den beiden Töchtern macht ebenfalls Rast. Als die Tochter das Leergut zum Laden zurückbringen will, drücke ich ihr meine leere Flasche in die Hand und sage ihr, dass sie das Pfandgeld behalten dürfe. Nun kommen die Eltern mit mir ins Gespräch. Sie wollen weiter nach Hannoversch Münden, sind von Hannover mit der Bahn bis Hameln gefahren und radeln nun die Weser von Jugendherberge zu Heu-Hotel günstig hinauf. Als ich sage, dass sie eher bergauf denn flach oder bergab fahren, ist die Frau etwas enttäuscht, nicht die Kinder, sie hat die größten Probleme mit der Kondition. Kinder und Ehemann stecken alles gut weg, aber sie sei gestern Abend um 19:00 Uhr im Hotelbett in Bad Karlshafen geblieben und – eingeschlafen. Ich erzähle ein wenig von meinen Erfahrungen und gebe Tipps zu Hannoversch Münden.
A
uf
einem sehr ruhigen Abschnitt vor der Fähre von Lippoldsberg
überholen mich zügig
ein etwa dreizehnjähriger Junge und zwanzig Meter später
der jugendlich wirkende Vater, der dem Burschen zuruft, dass sein
Handy klingele, so dass er anhalten muss, um das Telefon aus dem
Gepäck zu kramen. Später in Bad Karlshafen treffe ich sie
wieder. Sie schlendern mir auf der Brücke vom Campingplatz
kommend entgegen.
U
m
13:45 Uhr klingele ich an der Haustür von der Pension
„Weserblick“. Das Haus verdient diesen Namen wahrlich.
Es
hat einen schönen offenen Blick auf die Weser und einen
klassischen 70-er Jahre Charme. Eine blonde ältere Frau,
vielleicht 60 Jahre alt, öffnet, bittet mich herein und nimmt
meine Daten auf. Kurtaxe inbegriffen. Kaffee und Tee am Nachmittag
im Aufenthaltsraum ist kostenlos. Ihr Sohn, groß, eher
kräftig, aber nicht fett, ebenfalls blond, - schielt er? –
soll mir das Zimmer zeigen und erklärt mir die
Getränkestrichliste. Ein kleiner Kühlschrank im Zimmer,
0,5 Liter Bier für 1,20 €! Dafür kein Fernseher. Den
gibt’s im „Weserblick“-Zimmer. Ich nehme später
das Kaffeeangebot an. Nicht nur Weserblick, sondern auch der Kaffee
sind spitze. Die Ausstattung und Möblierung des Zimmers im Stil
60-er bis 70-er Jahre, sauber, Teppichboden, knarrende Dielen
darunter, insgesamt bemüht und ehrlich. Ich beobachte einen
ankommenden Radler, der um eine Unterkunft nachfragt, aber die
Pension ist ausgebucht. Gut, dass ich im Voraus gebucht hatte!
D
er
Sohn, schwer zu schätzen, vielleicht dreißig Jahre,–
schielte er nicht doch etwas? – nimmt draußen im Garten,
vor der schwach erkennbaren Bahnlinie, auf der scheinbar nie ein Zug
fährt, die Wäsche von der Leine. Das ganze Ambiente mit
Sohn und Mutter, es erinnert irgendwie – an- an ... Psycho!
Spaziergang
über die Brücke, die nach Würgassen führt,
zurück ins Hugenottendomizil im nördlichsten Zipfel von
Hessen. Postkarten an die Liebsten eingesteckt und unter der
brüllenden Hitze h
inunter
zur Weser. Die vielen weißen Häuser verstärken das
Sommerlicht, da kommt die Weser ganz recht. Kurz vor Einmündung
der Diemel treffe ich auf einen Minigolfplatz, in dessen Mitte ein
kleiner Biergarten den Blick unter den mächtigen Kastanien frei
lässt auf die ankommende und abfließende,
sonnenbeschienene Weser, in deren inneren Knick Richtung Norden der
Campingplatz Urlaubsstimmung verbreitet. Beim Minigolf muss man den
Schläger an Tischen manchmal wie beim Billard verwenden. Ich
setze mich und stelle nach ein paar M
inuten
fest, dass hier Selbstbedienung ist. Ich hole mir ein Bier und setze
mich an einem besser gelegenen Tisch. Ich beobachte badende
Jugendliche. Zwei Bengels durchschwimmen die Weser und halten sich
an einem Weserausflugsboot fest. Von rechts sehe ich sie kommen,
Kanuten. Einige beenden hier ihre Tour, bauen ihre Zelte auf und
nehmen ein Bad im kühlen Nass des sanft dahin fließenden
Flusses. Vier Mädchen in Einerkajaks p
addeln
weiter.
Am
Nebentisch plaudert ein Pärchen, deren bepackte Räder vor
uns am Geländer angestellt sind. Ich bekomme die Unterhaltung
meistenteils mit. „Legastheniekrankes Kind, schwer erziehbare
Hunde, schreiende Mitarbeiter, Beziehungen anderer“, ... Die
Themen sprechen für sich. Sie trinken gemütlich ihr
drittes Bier und nach einem von der Frau eingeforderten, zärtlichen
Küsschen radeln sie weiter. Im Schatten der Kastanie, mit einem
kühlen Bier in der Hand und dem ungestörten Blick auf die
Weser mit immer wieder neu ankommenden Kanuten lässt es sich
gut, trotz der späten Nachmittagshitze, a
ushalten.
Als
ich auf der Suche nach einem ansprechenden, nicht allzu teuren
Esslokals schließlich im Café Siegburg lande, staune
ich doch, dass so wenig in den Lokalen los ist. Mein Schnitzel
Romana ist absolut vorzüglich. Die nette Bedienung ist
freundlich und mir persönlich auch sehr sympathisch. Erst nach
zwanzig Minuten gesellen sich zwei französisch sprechende Paare
im Alter um 65 Jahre an einen der Nachbartische und ich refreshe
durch Zuhören meine eingestaubten Französischkenntnisse
und fühle mich in diesem W
aldenser-
und Hugenottenörtchen mit s
üdländischen
Temperaturen ganz plötzlich wie beim Frankreichurlaub vor fünf
Jahren an der Loire.
Hotelpreis: 31,- €
Tageskilometer: 49
Höxter-Corvey
Dienstag, 20. Juli 2010
Absolute
Ruhe in der Nacht, außer anfangs ein wenig Dielenknarren. Um
6:35 Uhr bin ich ausgeschlafen, versorge ausführlich meinen
Körper für die bevorstehende Reise und trage besonders
sorgfältig die Sonnencreme auf. Beim Frühstück sechs
Personen, ein Tisch für vier Personen noch frei. Ein alter
Herr, sicher über 80, zwei Scheiben Vollkornbrot mit wenig
Aufschnitt werden mit Messer und Gabel geschnitten und vornehm
verzehrt. Die Beine parallel gestellt, in Sandalen, drei Viertel
Hosen und über dem perfekt gebügelten Hemd eine
Taschenweste. Während ich meine Satteltaschen in die Garage
stelle, holt er sich sein Rad, eines von acht, langsam und umsichtig
heraus. Gestern sei er in Höxter gewesen, also hin und zurück
mal eben knapp 60 Kilometer. Heute wolle er e
ine
Tour nach Tannenberg(?) machen. Herrgott, lass mich auch über
80 Jahre alt werden und solche Touren noch bewältigen!
B
eim
örtlichen Aldi decke ich mich noch mit Wasser und Apfelschorle
ein und es geht rechts entlang der Weser. Hinter Würgassen
wechsele ich die Uferseite über eine hohe Brücke. Mit
18 Grad Gefälle geht es auf der anderen Seite herunter auf den
Radweg. Ein paar Trampeleinheiten später erkennt man auf der
gegenüberliegenden Seite das alte Atomkraftwerk.
I
n
Beverungen schlängele ich mit dem Rad über
Kopfsteinpflaster auf die Hauptstraße und finde endlich eine
Sparkasse, um Geld zu holen. Das Leben der Stadt pulst an der
Hauptsraße. Die schönen Altstadtbereiche mit nicht
asphaltierten Straßen sind eher gering frequentiert. Zwischen
Beverungen und Wehrden
erkenne ich bei meinen kleinen Pausen auf den einladenden Parkbänken
mehrfach Leute vom Vortag aus Bad Karlshafen wieder, die an mir
achtlos vorbeiradeln, zum Beispiel das Pärchen vom
Minigolfplatz. Hinter Wehrden dann ein sehr schöner Blick aufs
Schloss Fürstenberg.
D
er
Puls bewegt sich heute freundlicher und ich bin erleichtert, dass
Werte über 105 die Ausnahme sind.
Vor
Höxter links direkt am Radweg dann ein großzügig
angelegter Badesee. Auch Tauchen und Segeln wird angeboten.
Sanitäranlagen, Fahrradabstellmöglichkeiten, Gastronomie,
einfach alles wunderschön und sehr großzügig
angelegt. Fast eine Dreiviertelstunde schaue ich den badenden
Kindern und Erwachsenen zu. Immer wieder halten Radwanderer an. Eine
ältere Dame mit ihrem E
nkelsohn
setzen sich im Schatten auf den Rasen und machen Picknick. Als der
Junge zur Toilette muss, schickt ihn die Oma zu den öffentlichen
Toiletten in etwa 100 Meter E
ntfernung.
„Oma, dass du mir aber mein Brötchen nicht aufisst!“
ruft er noch zurück. „Nein, nein, nun geh nur!“ Auf
dem Rückweg stolpert er aus Unachtsamkeit fast gegen mein Rad
und die Oma ruft: „Du musst aber auch nach vorne schauen!
G
enau
wie dein Vater, dem hab ich auch immer, als er so alt war wie du
jetzt, gesagt: Schau nach vorn!“ Rechts von mir auf einer
weiteren Bank ein Paar aus Holland, das dem Geschehen interessiert
zuschaut. Ach ja – die Holländer, die sind auch da! Und
siehe da – die beiden französischen Paare aus Bad
Karlshafen satteln ihre Drahtesel zur Weiterreise. Überall
Radtouristen in Höxter, der östlichsten Stadt in
Nordrhein-Westfalen. Ein Mann, halbnackt, nur mit Turnhose bestückt,
braun gebrannt, seine Gattin ebenfalls braun und fast halbnackt im
Bikini, blond, verfolgt seine fotografischen Inszenierungen im
H
intergrund.
Von der Katastrophe im Jahr 2005, als sich ein Selbstmörder
neben dem Rathaus mit 900 Litern Benzin in die Luft jagte, ist
nichts mehr zu sehen. Die Plätze vor den Eisdielen sind voll
belegt. Ich genehmige mir wieder mal drei Kugeln und besetze die
letzte frei Parkbank im Fußgängerbereich. Für mich
ist das eine volle Mahlzeit. Nach ein wenig langsamen und
beschaulichen Rumradeln in der Innenstadt finde ich einen
Discounter, wo ich Leergut los werde. Im Ort laufen massenweise
Pfadfinder mit ihren grünen Hemden herum.
G
egen
13:45 Uhr komme ich beim Schloss Corvey an. Das
Aktiv-Hotel erinnert sehr an eine Jugendherberge, verbindet aber
Kanuwandern, Radwandern, Kultur und Campen auf innovative Weise zu
einem Konzept, das immer mehr erlebnishungrige und naturverbundene
Menschen anspricht.
Die Bettwäsche muss ich mir Etagenbett selber aufziehen und es ist gut, dass ich eigene Handtücher dabei habe. Vor dem Hotel, aber schon im Innenbereich der Klostermauern eine große Rasenfläche mit zwei Zelten und ein paar Kanus. Corvey ist fast komplett von einer etwa drei Meter hohen Mauer umgeben. Mein Tacho zeigt beim Umrunden der Anlage 2,5 km an.
I
ch
sehe kaum Touristen. Die Radtouristen lassen Corvey meist unbesucht
im wahrsten Sinne des Wortes links liegen. Nicht so meine Franzosen,
die ich wieder dort am Fahrradstand treffe und ganz kurz mit
„Bonjour!“ begrüße, was bei dem einen Herrn
dann doch ein leichtes, kurzes und kaum merkliches Hochzucken
auslöst.
Auf jeden Fall genießen sie Landschaft, Kultur und Wetter in
vollen Zügen. Ich kreise im Innern der Anlage und denke, dass
ich auch in die Kirche hinein kann, aber man erbittet 0,60 €
als Eintritt, wahrlich nicht viel, dennoch ist es mir peinlich, ich
habe nämlich überhaupt kein Geld mitgenommen. Viel Gold
und Prunk, sehr imposant und erstaunlich hell, sogar ohne Blitz
gelingt das Foto einigermaßen.
Die
Altstadt von Höxter reizt mich nach der nachmittäglichen
Inaugenscheinnahme nicht sonderlich. Um so mehr freue ich mich auf
ein Bad im Godelheimer Baggersee. Handtuch und Badehose in die
Lenkertasche und auf geht’s. Ich bin sehr erstaunt, wie viel
um 17:45 Uhr dort noch los ist. Zehn Paraglider kreisen am Himmel in
südwestlicher Richtung. Es ist aber auch ein außergewöhnlich
schöner, warmer Hochsommertag. Viele junge Menschen zwischen 14
und 30 Jahre alt sonnen sich am Strand oder baden im See. Es freut
mich, dass ich nicht so viele übergewichtige, gepiercte oder
tätowierte anschauen muss. Sie nehmen ihren Müll
tatsächlich mit! Hier kennt mich keiner. Drum wage ich den
Striptease mit Bierbauch und Titten über der Badehose. Das Bad
im See ist eher enttäuschend, weiches, warmes Wasser. Für
Kleinkinder und Weicheier gut geeignet. Ich spüre förmlich
gelben Urin, verdünnt durch meine Achseln gleiten. Das Wasser
kühlt einen kaum wirklich ab und ich befürchte, die
Außentemperatur ist sogar kühler. Dennoch genieße
ich die Schwimmbewegungen und den Ausblick auf die Menschen am
Strand. Vor allem aber: Es gibt keine Hunde! Fast eine Stunde
verweile i
ch
und sonne mich auf dem schmalen Handtuch und trete schließlich
aus Angst vor Dehydratation und Sonnenbrand die Rückfahrt an.
Ortseingangs, kurz hinter der zweiten Eisenbahnunterführung liegt direkt am Radweg mit Blick auf die Weser ein offener Biergarten mit Imbissmöglichkeit. Eine Currywurst und Pommes frites gesellen sich zu zwei großen Bieren und munden mir wunderbar. Ich nehme noch einmal einen kurzen Umweg durch die Stadt, die ein wenig leblos wirkt. Ich sehe kaum Menschen in den Cafés, also zurück zum Aktiv-Hotel.
Die Nacht gegen 3:40 Uhr weckt mich ein lästiger Mitbewohner. Ich hatte wegen der Hitze das Fenster auf gelassen und so muss ich das Konzert einer aufdringlichen Mückin ertragen. Erst gegen 6:30 Uhr schlafe ich noch einmal ein.
Hotelpreis: 23,50 €
Tageskilometer: 40 + 8
D
ie
Dusche fordert 0,50 € und ist knapp bemessen. Das Frühstück
ist erstaunlich gut, sogar Obst wird angeboten. Das junge Pärchen
aus dem Zelt frühstückt
auf der Terrasse und bespricht ihre Weiterfahrt auf dem Kanu. Ich
zähle insgesamt neun Gäste an den Tischen.
Schon um 8:45 Uhr scheint die Sonne mit aller Kraft, aber es ist noch angenehm und ohne Autoverkehr auf dem komfortablen Radweg zu fahren.
I
ch
finde bei der Durchfahrt durch Holzminden, dass sich diese Stadt
optisch nicht so gut verkauft wie die bisherigen Orte. Und ich
erinnere mich plötzlich an die Aussage der Frau vor Bad
Karlshafen, dass die Jugendherberge hinsichtlich Service und
Freundlichkeit sehr schlecht abgeschnitten hatte. Auf dem
zuführenden Radweg von Bevern kommen wieder die „Franzosen“
angeradelt. Die müssen auch mittlerweile denken, dass ich sie
verfolge.
E

Bad Karlshafen
Holzminden
Hameln
Bad Oeynhausen oder Porta Westfalica
Da ich im Vergleich zu den meisten anderen Radwanderern recht früh starte, überhole ich von Corvey aus die Holzmindenschläfer, die mich dann schließlich endgültig hinter sich lassen, wenn ich wiederum etwas früher einchecke.
Die kürzeren Etappen gefallen mir sehr gut. Es bleibt genügend Zeit für Pausen und am Ankunftsort ausreichend Gelegenheit für Erkundungen, Einkäufe und Regeneration.
D
er
Radweg
führt weiter in Richtung Dölme durch Kornfelder und man
genießt den Anblick des Weserberglandes. Die Weser hat sich
hier scheinbar in Fels gefräst und eine Rechtskurve genommen.
Hinter Rühle passiere ich am westlichen Weserufer den langgestreckten Campingplatz, an dessen Ende man etwa fünfzig Meter doch recht steil bergan kraxeln muss, was die Karte gar nicht ausweist. Der Puls geht auch auf 130 Schläge hoch, aber unterstützt vom südlichen Rückenwind kann ich danach bis Bodenwerder entspannt rollen lassen und der Puls beruhigt sich auf 95 Schläge.
Der Rewe-Discounter in der Neustadt von Bodenwerder ist gut und kühl klimatisiert. Bei dem schwülen Wetter ist das richtig angenehm, aber leider nimmt das Geschäft kein Leergut an, so dass ich fünfzig Meter weiter zum Getränkemarkt rüber muss; der ist nur leider nicht klimatisiert und so rinnt mir der Schweiß vom Kopf – aufs Portemonnaie, in den Kragen und trotz Wegwischens tropft es dann auch auf die Theke. Grässlich! Bezahlen und raus hier.
An
der Brücke verlasse ich den offiziellen Radweg und biege gleich
am Ende der Überführung auf die Weserpromenade hinunter.
Restaurants, ein Hotel, Cafés haben dort Tische, Stühle,
und Sonnenschirme aufgestellt. Viele Touristen sehe ich Mittagessen
oder E
is
schlecken. Die Promenade der Münchhausen-Stadt ist von
schattenspendenden Kastanien durchzogen.
Die Weser ist für mich eh der Kastanien- und Schwalbenfluss. Ich habe nie zuvor eine derartige Ansammlung gesehen.
Zwischen zwei Kastanien jeweils Parkbänke. Aha – da, auf zwei Parkbänken, der Vater mit den drei Töchtern. Zwei Bänke weiter ein paar Penner mit Bierdosen bewaffnet. Inmitten der Promenade befindet sich ein Toilettenhaus. Das erklärt auch, warum es diese Brüder und Schwestern dort immer so lange aushalten.
F
ast
am Ende der Weserpromenade finde ich eine schattige Parkbank. Dort
trinke ich erst mal ausgiebig und nutze die Bank als Liegefläche.
Über mir rauscht die Kastanie und entspanne. Immer wieder
passieren hinter mir Fußgänger, sehr oft Hundebesitzer
mit ihren vierbeinigen Freunden.
Später am Tag fällt er mir dann auch wiederholt unangenehm
auf – der Hundekot. Kinder vereiteln ja die Karriere, sie
sind lästig, Urlaub ist immer purer Stress und Geld kosten sie
auch – da halten wir D
eutschen
uns doch lieber Hunde. Ich habe das Gefühl, fast jeder Deutsche
ist Hundebesitzer oder will es noch werden. Mich würde wirklich
mal eine „Hundestatistik“ interessieren. Zeitraum der
letzten zwanzig Jahre. Alter der Hundehalter, Anzahl der
Hundehalter, Anzahl der Tiere pro Hundebesitzer, Kosten der Hunde,
Steuereinnahmen, Säuberungskosten für Hundekot, Anteil am
Bruttosozialprodukt, Tendenzen, u.s.w. Gibt’s da gar keine
Forschung? Werde mal irgendwann googeln.
E
ine
Alte Dame tippelt an ihrem Rollator, in
hellblauem Kleid mit Blumenmuster, weißer Bluse und ebenfalls
weißer Schirmmütze vorbei. In Richtung Ufer, etwa 15
Meter vor mir steht eine Parkbank in der Sonne. Um meine
durchschwitzten Sachen zu trocknen, wechsele ich das Feld. Reichlich
Sonnencreme mit Lichtschutzfaktor 30 habe ich bereits am Morgen
aufgetragen. Als ich mich nach fast einer halben Stunde umdrehe, um
wieder nach meinem Packesel zu schauen, sehe ich sie kommen, nimmt
ein Fellsitzkissen aus dem Rallatorkorb und macht es sich auf der
schattigen Parkbank bequem; und holt – siehe da – noch
eine Flasche Bier aus dem Korb, das l
inke
Bein lässig darin eingeparkt. Ich schätze ihr Alter auf
mindestens 85 Jahre – da kenne ich mich aus.
Da
das Zimmer im Hotel noch nicht fertig ist, nehme ich draußen
unterm Sonnenschirm Platz und bestelle ein großes, dunkles
Bier. 3,60 €! Zwar sieht das Essen der Gäste gut und
reichhaltig aus, aber angesichts der Preise ziehe ich am Abend dann
den Griechen vor, zumal man bei dem trotz Regens und drohendem
Gewitter, das sich anbahnt, auch noch gut draußen sitzen kann,
da die Terrasse mit Weserblick überdacht ist. Griechisches
Essen: Viel Fleisch, Salat, Zaziki, ein wenig Reis ist eigentlich
ganz angemessen für den Abend – relativ wenig
Kohlenhydrate, die man ja abends eher meiden soll. Nur ein paar
Regentropfen, das Gewitter bleibt am Ende aus. Nur bewölkter
Himmel. Und so besetze ich wieder einmal eine Parkbank und schaue
zu: Vorbeiziehende Kanus, hin und wieder Radfahrer auf der
gegenüberliegenden Uferseite, ein anlegendes Ausflugsboot, vier
Damen auf einer Parkbank, Spaziergänger, oft mit völlig
unangemessenem Schuhwerk, kein Wunder, dass die Haltungsschäden
bekommen und Rückenschmerzen und - Hunde und ihre Besitzer –
immer wieder – eine Seuche. Da- endlich – ein
Flitzefeuerzahn-Mädchen, vielleicht gerade drei Jahre alt,
zehn Meter dahinter der Vater, dann ein Junge, fünf oder sechs
Jahre alt, die Mutter, schwanger, ein schöner Anblick –
auch weil die Eltern so dezent, wirkungsvoll und wertschätzend
m
it
ihren Kindern umgehen. Hunden gibt man nur Befehle – das
scheint uns Deutschen besser zu liegen.
Höchster Puls: 132
Durchschnittlicher Puls: 92
Durchschnittliche Fahrgeschwindigkeit: 11 km/h (incl. Pausen) bzw. ca. 16 km/h (normale Fahrgeschwindigkeit)
Hotelpreis: 40,- €
Tageskilometer: 42
Fischbeck
Donnerstag, 22. Juli 20´10
In meinem Hotelzimmer hats nur Glasbausteine als Fenster, wohl wegen der Terrassen des Nachbarn. Die Raumtemperatur ist trotzdem erstaunlich gut und auch von Mückinnen werde ich diese Nacht verschont. Aber leider kann ich am Morgen auch den wolkenverhangenen Himmel nicht erkennen. Vor acht ist kein Reinkommen in den Frühstücksraum. Das Frühstück ist dann Standard, leider kein Obst. Zwar gibt es in den Hotels überall Müsli mit Milch oder Quark, aber Joghurt habe ich bisher vermisst. So muss ich auch heute wieder auf den gewohnten Verdauungshelfer verzichten.. Die Familie vom Morgen zuvor im Aktivhotel in Corvey ist auch in diesem Hotel untergekommen. Ich erkenne sie nicht gleich, aber das Lächeln im Morgengruß des Vaters bringt mein Erinnerungsvermögen auf Trab. Verglichen mit anderen Hotels erscheinen mir 40,- € durchaus überhöht. Die lassen sich ihre Lage und die fehlende Konkurrenz gut bezahlen. Die Garage mit den Bikerrädern ist wieder erstaunlich gefüllt, etwa 14 Räder. Da ich als dritter gestern eincheckte, stehe ich sehr weit hinten und muss mein Vehikel über die anderen wegtragen, wenn ich nicht alle speichenbetriebenen Zweiräder einzeln raus und wieder rein bugsieren will.
Kurz überlege ich, ob ich den kürzeren aber gefahrvolleren und damit stressigeren Weg rechts über die Hauptstraße wählen soll, oder ....doch ich biege intuitiv links auf den offiziellen Radweg ab. Als ich zur anderen Weserseite zurückschaue, denke ich an die vielen Radler, die ich am Vortag gezählt habe. Nach meiner Hochrechnung müssten bei schönem Wetter etwa 1200 Radler täglich nord- oder stromabwärts und etwa 700 süd- bzw. flussaufwärts strampeln.

Tatsächlich
belohnt mich meine intuitive Entscheidung dann vor Daspe mit einem
schönen Blick auf Schloss Hehlen . Bei Hajen kurze Pause und
Trinken. Zur Weser geschaut, eine imposante w
eiße
Skulptur , die mich irgendwie an mein Buchklau bei Bursfelde
erinnert und meine negativen Gefühle gegenüber Kernkraft
bestärkt. Sicherheitsbedenken auf Basis v
ernünftiger
und nachvollziehbarer Überlegungen einfach aus den Wind
geschlagen Es muss ja immer erst etwas Schreckliches geschehen,
damit Umkehr möglich wird- schade eigentlich! Der menschliche
Verstand weiß es vorher, aber das Risiko und der Kitzel, etwas
ohne Anstrengung oder Leistung gewinnen zu können, schaltet
scheinbar bei uns Menschen Teile des Gehirns ab und lässt uns
einfach wegschauen.
Rechts Wolken, nicht wenige davon vom Atomkraftwerk Grohnde.
Der Radweg bis Hameln erscheint zwar breit und komfortabel, aber hinterlässt auch irgendwie ein Gefühl von - Zickzack.
Heute kommt der Wind stärker von vorn und lieber hab ich ab und zu mal eine Steigung, bei der ICH entscheide, ... schieben, Pause machen, ... als permanent Wind von vorn, den ich nicht abstellen oder umlenken kann.
Rattenfängerstadt
Hameln, eine volle Innenstadt, Touristen aus aller Welt. Japaner,
Engländer, und natürlich Holländer.
Ich beschließe, das alle schönen Fotos von der Stadt bereits gemacht sind und überall angesehen werden können. Außerdem ist der Himmel bewölkt. Mit einer Turnhose und dem karierten Hemd fühle ich mich fast wie ein Penner, aber wenn ich mich so umschaue, sehen die meisten anderen nicht viel besser angezogen aus. Dass manche aber auch trotz Übergewicht und Bierbauch so figurbetont die Kleidung auftragen! Es steht nun wirklich nicht jedem und beleidigt den Ästhetiknerv der anderen. In zwei Buchläden frage ich nach Wanderkarten von bikeline. Keine Chance. Hinter Hameln linke Seite Militärgebiet, rechts über die Straße hinweg entdecke ich endlich einen Aldi, Ich muss dringend die Getränkevorräte auffrischen, Leergut los werden. Und noch schnell ne Pommes aus der Hand. Der Radweg bis Fischbeck verläuft wieder etwas im Zickzack, dafür aber meist völlig autofrei. Zentral im Ort am Stift meine Unterkunft, das „Café am Stift“ mit „Bierscheune“, altem Fachwerk und Gästen auf Gartenmöbeln auf dem Rasen unter Obstbäumen, echt idyllisch. Sehr schön gelegen und einladend. Die Zimmer des Hotels befinden sich in neu errichteten Fachwerkhäusern auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Zuerst wasche ich mein Adidas T-Shirt aus und nach einer Dusche ruhe ich mich ein wenig aus. Als ich um 16:30 Uhr los will, hat es angefangen zu regnen. Ich kaufe schnell im NP ein, denn ich möchte angesichts des Wetters heute mal auf dem Zimmer bleiben, Essen vor dem Fernseher, Baguette mit Hähnchenbrustfilets und Erdnüssen.
Hotelpreis: 42,- €
Tageskilometer: 40
Bad Oeynhausen
Freitag, 23. Juli 2010
Ich werde vom Handyklingeln um 7:15 Uhr wach, das erste Mal dass ich nicht vorher wach bin, habe also gut geschlafen. Die Weckfunktion des Handys erspart einen zusätzlichen Wecker, also unnützen Ballast. Beim Fahrradradio ist die Antenne abgebrochen; deswegen findet es keinen Sender und ich muss auf Musik beim Radeln und Nachrichten verzichten. Aber der Wetterbericht im Fernseher des Hotels reicht aus. Es regnet. Erst mal frühstücken. Endlich mal ein Hotel, wo das auch vor acht Uhr geht! Nach ein paar Kilometern lässt der Regen allmählich nach und hört bald ganz auf. In Rinteln scheint sogar wieder die Sonne. Kurze Rast auf einer Parkbank. Abtrocknen, Apfel essen, trinken und auf zur Stippvisite in der Fußgängerzone. Nicht so überlaufen wie Hameln, auch längst nicht so groß, aber sehr nett.
H

inter
Rinteln nehme ich eine Abkürzung über die Hauptsraße
bis Veltheim. Es hat sich sowohl zeitlich als auch streckenmäßig
nicht wirklich gelohnt. Außerdem war es ganz schön
stressig mit den genervten Autofahrern und LKWs hinter mir. Am
Nachmittag soll es wieder regnen, deswegen mache ich weniger Pausen.
Die Strecke ist heut fast zwanzig Kilometer länger als gestern
und hat erstmals zwei längere Steigungen.
S

chließlich
erreiche ich die Autobahnbrücke auf der der Radweg neben der A2
verläuft. „Radfahrer
auf der A2!“ Irgendwie muss ich schmunzeln. Als ich auf die
Weser runterschaue, sehe ich drei Jungen beim Angeln.
An der Einflussmündung der Werre in die Weser folge ich links dem Nebenfluss, verlasse den Weserradweg und erfahre nun den Else-Werre-Radweg im Kurort Bad Oeynhausen.
V
om
Radweg aus, ist das riesige Einkaufszentrum, der Werre-Park, zu
erkennen. Für Radler nicht besonders einladend, weil man nicht
genau weiß, hinter welchem Eingang sich gerade das Geschäft
befindet, zu dem man gerade will, Getränke zum Beispiel. Ich
überquere die vierspurige Hauptsraße, die hier die A 30
auslaufen lässt. Ich orientiere mich an dem Bahndamm, hinter
dem sich am Bahnhof das Zentrum der Solestadt verbirgt. Endlich ein
wenig länger ruhen auf einer weißen Parkbank und dann auf
die Suche nach dem Hotel, was ich nicht gleich finde und mich noch
einmal einen zusätzlichen
Pedalbetrieb von etwa zwei Kilometern kostet. Aber es liegt total
zentral und direkt an der Fußgängerzone. Nach einer
Dusche kaufe ich mir eine Else-Werre-Radkarte, nicht von bikeline,
aber dafür deutlich billiger. Das Eis, drei Kugeln in der
Waffel: 2,40 €. Je nördlicher, desto teurer.
N
eben
dem Kurpark entdecke ich fünf bepackte Fahrräder, davon
drei Kinderräder. Ein wenig später kommen sie, Vater und
Mutter, zwei Töchter und ein Sohn. Aus den Gesprächsfetzen
entnehme ich, dass sie noch weiter auf dem Weserradweg bis zum
nächsten Campingplatz radeln. Ich wünsche ihnen gutes
Wetter!
Einen ausführlichen Spaziergang durch den Kurpark schließe ich mit einem guten Essen und einem kühlen Bier vor einem Restaurant in der Fußgängerzone ab.

Hotelpreis: 43,- €
Tageskilometer: 57 +2
Bissendorf
Samstag, 24. Juli 2010
Das Frühstück in der Pension ist generös und erstmals nicht als Selbstbedienung organisiert, sondern man wird einzeln und stilvoll bewirtet. Angesicht der Möblierung und Ausstattung des Zimmers sowie der Lage finde ich den Preis für die Übernachtung vollkommen adäquat und leistungsgerecht. Beim Ihr Platz decke ich mich noch um Punkt 9:00 Uhr mit Mineralwasser und Apfelschorle ein und rolle am Bahnhof vorbei zur Werre hinunter. Schon jetzt erweist sich die Radkarte als Fehleinkauf, weil die Wegführung schwer zu erkennen ist und etwas durch die Radwegdarstellung überzeichnet ist. Aber die intuitive Wegführung meines Kopfes führt mich dann doch sicher zur Werre, wo ich schon bald ein paar Kanuten erblicke, auch Angler sind zu sehen. Im weiteren Verlauf des Radwegs wird dann auch mehrfach die Autobahn unterquert. Längere Passagen sind nicht asphaltiert oder gepflastert, aber der Untergrund ist gut befahrbar. In Kirchlengern bin ich von der Wegeschilderung derart irritiert, dass ich erstmals auf meiner gesamten Reise einen Passanten nach dem richtigen Weg frage. Besonders reizvoll ist der Anblick der Else in Bünde. Auch die Wegführung und Beschilderung sowie das Angebot an netten Rastplätzen mit genügend Bänken ist absolut vorbildlich. Ich beschließe, von Bissendorf aus einmal mit meiner Frau einen Tagestrip hierher zu machen. Leider zwingt mich der permanente Gegenwind zu moderater Geschwindigkeit, mehr als 14 km/h erreiche ich kaum.
Als ich mich dem Osnabrücker Land nähere, ist es dann vorbei mit eindeutiger Beschilderung, Bänke sind absolute Mangelware und die Strecke zwischen Bruchmühlen und Melle, oft auf offenem Feld mit brutalem Gegenwind, wird wirklich zur Herausforderung. Aber da ich mich vom Wind und Zielerreichung nicht provozieren lasse, hält sich mein Puls gut um den Hunderterbereich. Vor Melle zücke ich das Handy. Ich verabrede mich mit Maria am Ludwigsee hinter Gesmold. Das Schloss Gesmold und die Bifurkation lasse ich links liegen, da ich dort schon mehrfach war. Nach einer ausgiebigen Rast und ersten Reisberichten an meine Frau radeln wir gemeinsam die letzten sieben Kilometer zurück nach Hause.
Tageskilometer: 57
Nachwort
Eine Woche lang hatte ich mein Ergometertraining auf den wunderschönen Weserradweg verlegt. Den Else-Werre-Radweg gemeistert und dabei insgesamt fast 300 Kilometer ins Rad gepumpt. Am Anfang musste ich mich doch ein wenig an die neue Umgebung gewöhnen und meinen Geist zwingen, dem Körper nicht mehr abzuverlangen. Die Pulsuhr war dabei eine gute Kontrolleurin. Bis auf ein paar wenige Ausreißer bis etwa 130 Schlägen konnte ich im wesentlichen den Trainingspuls von 100 bis 105 gut einhalten.
Ich denke, ich habe nicht nur meinem Herzen, sondern vor allem meiner Seele etwas Gutes getan. Ich konnte Wetter, Landschaft und auch ein wenig die Kultur und Menschen genießen und Erinnerungen und Bilder sammeln, von denen ich hoffentlich noch lange zehren werde.
Der Weserradweg ist ideal für jeden Radler, egal welchen Alters, da er kaum Steigungen hat. Ich habe alle Kombinationen gesehen: Ganze Familien, Oma mit Enkelsohn, französische Pärchen, junge und alte Männer allein, Männerduos, Pärchen jeden Alters. Das hätte ich so nicht erwartet. Das Vorausbuchen hat sich als sinnvoll erwiesen. Lediglich für Radler, die auch Campen können und wollen ist dies nicht nötig, denn es gibt reichlich Campingmöglichkeiten entlang der Weser. Die Tagesstreckenlängen waren meines Erachtens für mich etwas zu lang. Im Wiederholungsfall würde ich vielleicht noch etwas enger takten oder über Tage mehr und noch längere Pausen planen. Mit diesem Reisetagebuch möchte ich allen Mut machen, die bisher längeren Radtouren nichts abgewinnen konnten. Zum Einstieg und Ausprobieren eignet sich der Weserradweg vorzüglich.
Was Sie für sechs Übernachtungen brauchen:
Fahrrad mit Gangschaltung und Tachometer
2 Ortliebtaschen und eine Lenkertasche mit Bikeline Radtourenbuch, Erste-Hilfe-Set, Tempotaschentücher
Fahrradflasche und zusätzlich etwa 1,5 Liter Getränke
1 Handy mit Ladegerät
Fotoapparat
Sandalen
Trekkingschuhe
Regenabweisende Windjacke
Sonnencreme, Mütze, evtl. Sonnenbrille
Badehose, ein gr. Handtuch, ein kleines Handtuch
Kulturtasche mit Tabletten, Rasierzeug, Waschlappen, Zahnputzzeug, Duschgel, Taschenmesser
1 – 2 kurze Hosen
1 lange Hose
T-Shirts und ein oder zwei Hemden
Unterwäsche und Socken
1 Pullover
Gute Laune und etwas Glück mit dem Wetter!
Bissendorf, im Juli 2010